February 15th, 2012

Ubud fucking Schmubud

Mein letzter Besuch im Hippie-Hide-Away Ubud, das den geografischen, wie spirituellen Mittelpunkt von Bali bildet, war mir als organisch-einwandfreier, politisch-korrekter und biologisch-abbaubarer Eso-Traum in Erinnerung geblieben. Die herzigen Äffchen im Monkey-Forest, der Organic-Coffee, der Bio-Houmus, Yoga-Tralala und Shiva-Firlefanz. Alles was das New-Age-Herz höher schlägen lässt.

Somit war die Motivation groß, bald wieder einen Abstecher dorthin zu machen; zum Runterkommen, Ankommen und vor allem, um meine Inspiration und den Anschluss ans unvollendete zweite Kapitel meines Romans wieder zu finden.

Den Laptop eingepackt, dazu ein Buch, Regenschutz und Ersatzkontaktlinsen; ich bin auf jegliche möglichen und unmöglichen Fälle vorbereitet. Ich darf mich einem Grüppchen von Westlern anschließen, die einen Business-Trip nach Ubud unternehmen. Ich nasche von der Ortskundigkeit unseres Leitwolfes und statt durch das unüberschaubare Dickicht der Straßen von Denpasar zu tuckern, führt er uns über abgelegene Straßen und Orte, die bestimmt nicht einmal auf der Landkarte verzeichnet sind, durch malerische Reisfelder und verträumte Landschaften, die so aussehen, wie ich mir Bali immer vorgestellt habe.

In meinen Ohren säuseln sanfte Männerstimmen, begleitet von Akustikgitarren und singen über Freiheit und Liebe. Über uns ein satter blauer Himmel, die Reisfelder leuchten in einem fantastischen Grün und das Verhältnis Abgase zu herrlicher Frischluft liegt bei 10 zu 90.

Nach einer knappen Stunde erreichen wir um halb elf Uhr morgens Ubud und ich steuere direkt zum KAFE. DEM angesagten Spot überhaupt. Wie immer ist es knacke voll und wir ergattern noch einen Tisch. Doch heute ist alles irgendwie anders. Als einer aus dem Grüppchen ein kleines Fläschchen vom Verkaufsregal nimmt, irgendetwas zum Schmieren aus Aloe Vera und Seaweed, muss ich mich zusammennehmen, damit mir kein: „Was kaufst du dir denn da für einen Hippie-Scheißdreck?“ rausrutscht.

Liegt es an meiner allgemeinen Knatschigkeit? Am mehrfach erwähnten Gefühls des Totalversagens? Am PMS, das gar keines sein kann, weil´s noch viel zu früh im Zyklus ist? Warum rotze ich hier rum wie das letzte Arschloch?

Ich beruhige mich wieder und wir bestellen. Ich ordere ein Omelette mit Eiern und Basilikum. Die Kellnerin fragt mich, ob ich „organic eggs“ zu essen wünsche. Ich muss noch mal nachhaken: „Excuse me, what?“

„Organic egg, miss.“ Okay, ich habe mich nicht verhört. Ich frage nach dem Unterschied zwischen normalen und organischen Eiern.

„Organic egg is 7000 Rupiah more.“ Aha, soso.

Wie auch immer. Ich verzichte auf das 7000 Rupien-Ei und gönne mir die normalen. Ich kalkuliere damit, dass ich es überleben werde.

Unweigerlich muss ich an einen Artikel denken, den ich kürzlich im Standard las, der sich auf Clemens G. Arvays neues Buch „Der große Bio-Schmäh“ bezieht. Arvay erzählt von Tierfabriken, endlosen Monokulturen und industrialisierter Landwirtschaft, Brotfabriken mit dem Charme eines Stahlkonzerns, Fertigmischungen für´s Bio-Weckerl, Kückenfließbändern, Todeskarussellen, Fütterungsautomaten und „Kuherziehern“. Letztgenannte dienen dazu, den Kühen per elektrischem Schlag einzutrichtern, wohin sie kacken dürfen und wohin nicht.

„Ja, natürlich!“ wollen wir „Zurück zum Ursprung“ und „Natur pur“ erleben. Aber um welchen Preis? Den Preis zahlen wir gerne, denn Qualität hat ja bekanntlich ihren Preis. Was nichts kostet, ist nichts wert und wir brave, öko-bewusste, weltverbessernde Konsumianer, die wir sind, zahlen gern die zwei Euro mehr für die Bio-Fair-Trade-Cashew-Kerne. Dass diese Bio-Fair-Trade-Cashew-Kerne in Afrika angebaut und geerntet, in Indien weiterverarbeitet und dann in die Welt exportiert werden ist ja auch noch immer ur öko, bitte.

Also, wer kann mir hier jetzt auf der Stelle beweisen, dass dieses „organic egg“ einem glücklichen Hinterhof-Huhn entstammt, dass um die Ecke gerade fröhlich in der Erde scharrt und nicht mit genmanipuliertem Mais gefüttert wird? Also drauf geschissen.

Das Omelette kommt zwar ganz ohne Basilikum, dafür mit grünem Paprika. Trotz der belustigten Aufregung, die das „organic egg“ an unserem Tisch verursacht hat, lasse ich mir davon mein Frühstück nicht verderben und wisst ihr was? Es hat geschmeckt.

Meine Reisegefährten verlassen mich und widmen sich ihren Businessplänen. Ich sitze kaum zehn Minuten alleine dort, werde ich schon vom Nachbartisch aus angequatscht. Ein äußerst gut aussehender, dunkelhäutiger Mann, der erzählt er sei in Afrika aufgewachsen und nach Europa ausgewandert. Tänzer, Yogi, Therapeut, tja, das sind sie hier in Ubud eh irgendwie alle. Er ist eine angenehme Erscheinung und ich lasse mich auf eine unverfängliche Plauderei ein. „Ich habe das Gefühl, ich kenne dich von irgendwo her…“ meint er.

„Tja, vielleicht habe ich einfach ein Allerweltsgesicht.“, gebe ich zurück, obwohl er sich wahrscheinlich etwas mehr in die Richtung wie: „Vielleicht von einem früheren Leben…“ gewünscht hätte.

Eigentlich warte ich auf besagten Therapie-Guru, den ich in meinem letzten „Alles Scheiße“-Blog erwähnt habe. Mein potentieller Chef legte mir nahe, mich mit ihm auszutauschen und ich tue ja echt fast jeden Scheiß hier, um einen Job zu bekommen. Aber er verspätet sich, also lasse ich mir ein wenig die Zeit vertreiben.

„Oh, mein Gott!“, entfährt es meinem neuen Tischkumpanen. „Die raucht ja!“ Er ruft eine Kellnerin, kann kaum seine Fassung wieder erlangen: „This woman is smoking inside! Please!“

Okay, ich versteh das ja mit dem Rauchverbot. Aber das macht ihn zu einer pikierten Öko-Prinzessin und ich verdrehe in Gedanken die Augen. Ausserdem habe ich noch eine Marlboro eingesteckt, die mich schon ganz laut ruft.

Aber hier fühle ich mich wie eine Aussätzige, à la from New York to L.A. Ich sehe schon jetzt die angewiderten Blicke, das Naserümpfen und verständnisloses Kopfschütteln. Grenzenlose Nächstenliebe und Toleranz? Fehlanzeige. Ich dachte Urteilen wäre gar nicht mehr en vogue? Aber wie auch immer.

Der Guru taucht verspätet aber doch noch auf und wir setzen uns nach draußen. Ein Om-Zeichen in Gold ist auf sein schwarzes T-Shirt gedruckt, er trägt einen Edelstein und einen kleinen Buddha um den Hals. Er fordert mich auf von mir zu erzählen und ich beginne mit meiner beruflichen Odyssee zu berichten. Er unterbricht mich einige Male, um in ausschweifenden Geschichten von seinen Qualifikationen zu erzählen und wen er nicht schon behandelt hätte und Bla. Es kommt mir ein bisschen vor wie ein esoterischer Schwanzvergleich. Aber vielleicht hat das auch mit der amerikanischen Mentalität zu tun. I don´t fucking know.

Es ist bereits halb zwei, als ich meine Rechnung begleiche und das KAFE verlasse. Ich höre „Hey-Hey!“ rufe hinter mir und sehe zwei blonde Mädchen, die mir winken. Ich hätte da doch glatt meinen Schal liegen lassen! Ich bekunde meine aufrichtige Dankbarkeit und Freude und setze mich für fünf Minuten zu ihnen. Eine von ihnen raucht und ich solidarisiere mich bereitwillig. Gemeinsam ist´s schöner zu rebellieren. Auch die zwei gehören der Fraktion der hier überall herum wandelnden, Blumenkleider-tragenden und Zöpfchen-ins-haar-flechtenden Eat-Pray-Love-Generation an. Einmal die Erleuchtung zum Mitnehmen bitte! Die zwei sind aber wirklich herzig und im Eiltempo schließe ich sie in mein Herz.

Aus den fünf Minuten werden fünfundzwanzig und um drei erreiche ich das „Sari Organik“, ein… jaaa, wir kennen das schon. Organisch, biologisch, recyclebar, glutenfrei und so gut für dich. Das „Sari“ liegt inmitten der Reisfelder, ein schmaler, verschlungener Weg führt dorthin, genau eine Mopedspur breit.

Ich schreibe ein wenig, werde aber nach einer knappen Stunde unterbrochen. Von meinem Akku, der sich mit einem leisen Gruß verabschiedet. Ich habe mein Ladekabel zuhause vergessen. Ja, Deja vú.

Heute ärgere ich mich aber nicht. Ich mache mich zurück auf den Weg zum KAFE, wo ich meine Reisegefährten treffen soll. Wir plaudern noch ein wenig und ziehen ordentlich die Yogis und Yoginis durch den Kakao. Aber was soll man sich denn auch denken, wenn am Nachbartisch eine im Schneidersitz auf dem Sessel hockt, ihren organic-rucola-salad-with-feta-cheese im Schoß, Walle-Kleid und Henna-Haare und sagt: „…I had a boyfriend once….and can you imagine, he was smoker! …Hahaha…!“

Ich kann es kaum erwarten, endlich hier abzuhauen. Also, wenn Bali schon mal ´ne Blase ist, dann ist Ubud der weltfremde Gedanke, eines realitätsfernen Vollzeit-Esoterikers, der eindeutig zu viele „Celestine“-Bücher gelesen hat. Das balinesische Shambala egozentrischer Blumenkind-Veteranen und Neo-Hippies, die sich hier zurückziehen, um hier das zu finden, was sie nicht im Stande sind, zu Hause herbeizuführen.

Wir fahren zurück und kommen in Canggu an, als die Sonne schon untergegangen ist. Das erste Mal bin ich froh, hier zu sein. Manchmal wirkt schnöder Kapitalismus authentischer, als verklärter Liberalismus, der nur bis zur eigenen Auragrenze reicht.

Noch einmal rekapituliere ich und verfolge meinen akuten Sarkasmus zurück… zum Ursprung. Und dort treffe ich auf die Hoffnungslosigkeit, auf mein bescheidenes Ich, das gern die Welt retten würde. Und sich angesichts der knallharten Tatsachen überaus verloren vorkommt. Und dann kommt die Angst. Angst vor allem, von dem SIE sagen, dass es für unsere Sicherheit wäre. Zu unserem Wohl. Und plötzlich weiß ich, dass ich etwas machen muss, dass mir Spaß macht und mich erfüllt. Das kann vieles sein. Faulsein und die Seele baumeln lassen, tanzen, singen, Zeit mit Freunden verbringen, meditieren, kochen, gärtnern, spazieren gehen, lesen, malen. Ich mag schreiben. Sehr gern sogar. Und ich schrieb. Und schrieb und schrieb und schrieb und auf einmal war das zweite Kapitel fast fertig. Und wisst ihr was? Es war scheißgeil.

Und auf einmal hatte ich keine Angst mehr und auch der Sarkasmus wurde leiser, das Vögelgezwitscher in den Palmen lauter und der Regen blieb aus. Ich fühle mich nicht mehr wie ein Totalversager, schiebe nichts mehr aufs PMS und schränke das arschige Rumgerotze ein.

Damit wir was für die Erde tun können, müssen wir zuerst etwas für uns tun. Für unser Seelenheil sorgen. Klingt schräg, ist aber so. Und da wir Teil der Erde sind, ein kleines winziges Puzzleteilchen, haben wir schon die Erde geheilt, wenn wir es schaffen uns selbst zu heilen.

Als ich so da sitze und das niederschreibe, versinkt hinter mir die Sonne und malt den Himmel lila und rosa an. Die Grillen beginnen zu zirpen und der Wind säuselt leise in den Blättern. Und all der Grant über Ubud fucking Schmubud hat mich hier her gebracht.

Scheißgeil.